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Viele Titel aus dem
Lebenswerk des Dichters Ernst Wiechert sind inzwischen in keinem
Antiquariat mehr erhältlich. Betrachten Sie einige der hier gezeigten Raritäten daher als
letzte Kaufgelegenheit.
ERNST WIECHERT (1887 - 1950)
"Gut
war es mir, bar fuß meinen Lebensweg zu beginnen und die Kühe zu hüten.
Weil ich in der Stille anfing, konnte ich dem Lauten nie ganz verfallen.
Weil ich als Kind die Wälder schweigen und wachsen sah, konnte ich immer
ein stilles Lächeln für das aufgeregte Treiben haben, mit dem die Menschen
ihre vergänglichen Häuser bauten. Es war, als trüge ich andre Gesetze und
Maßstäbe in mir, größere und strengere. Ich konnte nie mehr ganz aus dem
Kreis der Natur herausfallen, und immer hielt ein letztes Band mich noch
am Willen der Schöpfung fest, wenn auch rings um mich die Menschen schon
längst vergessen hatten, daß auch sie Geschöpfe und nicht Schöpfer waren
und an ihren babylonischen Türmen bauten, als sei es ihnen und nur ihnen
allein vorbehalten, die Achse der Welt in sich zu tragen."
Ernst Wiechert, "Wälder und Menschen. Eine Jugend. Roman aus
Ostpreußen"
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Ernst
WiechertWÄLDER UND MENSCHEN
Eine Jugend. Roman aus Ostpreußen
Hardcover, 251 Seiten, Fraktur-Schrift
Zustand: gut
erhalten
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Ernst Wiechert - Wälder und Menschen
Zum Buch.
Unter den starken Eindrücken seiner ostpreußischen Heimat-Landschaft
und unter Menschen, die durch sie geformt sind, spielt sich Ernst
Wiecherts Kindheit ab: im einsamen elterlichen Forsthaus, inmitten der
weiten Wälder mit ihren Seen und Mooren, die voll sind von Leben und
Vielfalt und über denen der Fischadler seine Kreise zieht. Wie in
einem Märchen schillert die bunte Erinnerung des Dichters an
jugendliche Jagd-Erlebnisse, das Einssein mit der überwältigenden
Natur, die in jeder Beere, jedem Farn den Jungen anstrahlt; sie
leuchtet auf in seiner langen Freundschaft mit dem von ihm selbst
aufgezogenen Kranich, den abenteuerlichen Fischzügen, der Geborgenheit
der Familie in Raum und Zeit.
Seltsame
Menschen tauchen auf, Geschöpfe des Waldes in ihrer unbehausten,
eigenbrötlerischen Art, daneben warmherzige, hilfreiche Zeitgenossen,
die zu leben und zu feiern verstehen im Gefühl, sich der Mitte ihres
Lebens sicher zu sein.
Die
Kräfte des einfachen, natürlichen Lebens verleugnen sich auch nicht
nach der Vertreibung aus dem Paradies, wenn der Knabe in die enge
Uniform des Alltagslebens gepreßt wird und das Gymnasium der
Hauptstadt besuchen muß. Und sie bewähren sich in seinen ersten
Begegnungen mit den Erscheinungen einer fremden Welt, mit Lehrern und
Schul-Kameraden, in den Erlebnissen, Erfahrungen und
Auseinandersetzungen des Reifenden mit Menschen, mit dem politischen
Zeit-Geschehen oder mit der Kunst. Aber da beginnt die Dichtung selbst
ihm das Tor in eine neue Welt zu öffnen. Mit großer Liebe, mit leisem
Humor und lächelnder Ironie erzählt Ernst Wiechert und läßt uns an der
Wanderung durch die Stätten und Jahre seiner Jugend teilnehmen. In
Bildern von suggestiver Sprachkraft illustriert er seine Fähigkeit zur
Selbstbewahrung in jungen Jahren. Ihm wird klar, wie stark seine
produktive, früh erworbene Kraft gewesen sein muß, um die Klippen
einer ihm fragwürdig erscheinenden Zivilisation zu umgehen. Und über
allem liegt der Schimmer der Erinnerung, ein Glanz, „den nur der frühe
Morgen hat, bevor eine Fährte durch den Tag läuft und eine Vogelstimme
über den dampfenden Wäldern steht“.
Bewegende
Erinnerungen eines Dichters an die Stätten und Jahre seiner Jugend in
Ostpreußen - der sehr persönliche Bericht eines empfindsamen Menschen,
dessen Natur- und Schöpfungsliebe uns gerade heute Richtung und Ziel
weisen kann. |
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Wälder und Menschen von E. Wiechert
Leseprobe/Auszug. Rings um das
Gehöft senkten sich unsre Felder, die fast sechzig Morgen umfaßten und
um die in unendlichem Schweigen die Mauer des Hochwaldes sich erhob.
Nur nach Südosten konnte der Blick weiter hinaus gehen. Dort lag
zwischen sumpfigen Wiesen, Schilf und alten Erlen unser See und auf
der sandigen Höhe dahinter die einzigen Siedlungen, die wir sahen: die
drei oder vier Gehöfte des Dorfes Kleinort, Rohrdächer unter uralten
Ahorn-Bäumen, und die beiden Gehöfte von Kleinbrück, wo die
feindlichen Brüder lebten. Dicht an der Försterei, am Rande des
Waldes, zog die alte Landstraße entlang, kam unter alten Kiefern
hervor und tauchte in jungen Schonungen wieder unter, die mein Vater
schon gepflanzt hatte, und das war nun alles, was wir von der großen
Welt zu sehen vermochten. |
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Ernst
Wiechert
DER WALD
Roman. 1936
Hardcover, 253 Seiten, Fraktur-Schrift
Zustand: gut
erhalten
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Ernst Wiechert - Der Wald
Zum Buch. Wiecherts Wald ist
nicht der grüne Dom Eichendorffs, nicht das Märchen- und Zwergenreich
Schwinds, sondern der "grüne Gott" selbst. Wiecherts Wald braust und
brandet in göttlicher Werdekraft wie am ersten Schöpfungstag. Sein
Wald ist unendlich, unerbittlich und gewaltig. In seinen Kronen orgelt
Welarun sein Sturmlied, in seinem Dunkel regt sich geheimnisvoll und
königlich das Getier, das nichts vom Menschen weiß. An seinem Saum
stehen wie Gralswächter ein paar Menschen in einsamer Größe und
Verlassenheit, die einzigen, die ihn schützen und die um sein
Geheimnis für alles menschliche Leben wissen. Eigenwüchsig und knorrig
die Gestalten des Mythos sind diese Menschen gezeichnet, so der
Isegrim dieses Buches, halb Pan, halb Waldschratt, halb Rübezahl, halb
getreuer Eckart.
Leseprobe/Auszug. Die Nacht war sturmbewegt
und warm. Schwere, dunkle Wolkenmassen jagten mit zerrissenen
Rändern über den Himmel, schleppten feuchte Gewänder hinter sich her und
griffen mit gierigen, lang gereckten Händen nach vorn; rafften einen
Fetzen, der ihnen unter den Fingern zerrann oder tasteten haltlos ins
Leere, wie jagende Menschen, die den Tod hinter sich haben und das Grauen.
Auf der Chaussee glänzten die Wasserlachen fahl und kalt, wenn das
Mondlicht hastig und gedämpft hernieder fiel. Stand aber zwischen zwei
Wolkenwänden die glänzende Scheibe für ein paar Atemzüge ruhig und
strahlend in blauer Höhe, dann schimmerten wie ein Kirchenschiff Nähe und
Ferne, die dampfende Frühlingsscholle, Wiesen und Gebüsch, bis zum hohen
Walde am Ende der leuchtenden Welt.
Dann erschien jedes
Mal auf der Chaussee, als springe er aus der Nacht
heraus, der unruhige, zuckende Schatten des Wanderers, der mit dem Sturm
nach Norden schritt, den Hut in der Hand und den klingenden Stock in der
Faust. Und jedes Mal war es, als risse ihn das Bild des rastlosen Schattens
eiliger vorwärts, den Wolken nach, die ihn überjagten, und dem Sturme
nach, der in dem ersten Grün der Birken wühlte. Der Schrei der Wildgänse
flog ihm voraus, in die unruhige, brausende Nacht, die aufglänzte und
versank wie unter dem Licht von Scheinwerfern.
Das schlafende Dorf erschien lebendig, von hastendem, heimlichem Treiben
erfüllt. Über die feuchten Strohdächer lief es wie von ausbrechender Glut
und verlöschte, bis hier und dort ein First, ein schmaler Giebel
aufflammte und plötzlich wieder wie in trüber Asche erstarb. Hinter den
kleinen Fenstern zuckten Lichter auf wie hinter Vorhängen, verstohlen
geöffnet und hastig zugezogen, irrten über die Wände und versanken wie
über böser, heimlicher Tat, während der Wind wehklagend aufschrie und in
jammervollen Tönen von Haus zu Haus lief, an Türen und Fenstern rüttelnd,
als schreie jemand Hilfe suchend an den dunklen Hütten vorbei, weiter und
weiter, das ganze Dorf entlang, bis die Wolken sich über den Mond stürzten
und nur ein dunkles, böses Flüstern sich in der Ferne verlor.
An der Straßenbiegung am Dorfteich verhielt der Wanderer zum ersten
Male den Schritt. Über zwei hellen Fenstern erschien im Mondlicht
eine schwarze Inschrift (...) |
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Ernst
Wiechert
DER KNECHT GOTTES
ANDREAS NYLAND
Teil 1 und 2
Hardcover, 451 Seiten, Fraktur-Schrift, gut
erhalten
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Vorwort, von Ernst Wiechert.
Ich war im Zorn von
Gott gegangen. Schon im "Wald" hatte ich die Faust an seine Tür
geschlagen, weil der Soldat, durch das Chaotische das wahre Antlitz
der Welt erblickend, von ihr hatte sagen müssen. "Und siehe, es war
nicht gut."
Ich
ging durch die Zeit wie durch eine finstere Nacht. Die Gründe wankten,
und unter den Sternen lag ein Licht wie über den Küsten von Patmos.
Allerorten geschah die Geburt der Propheten, und aus Leidenschaft und
Schmerz entstand der "Totenwolf". Nicht mehr schlug ich nur an Gottes
Tür. Ich riß sie auf und stand vor seinem Thron, und ohne Demut sprach
ich, hart und böse, als sitze ein schuldiger Mensch vor meiner Klage.
Und hart und böse verließ ich sein Haus, um in die leere Welt zu
gehen.
Sie
war leer. So leer, daß ich vor ihr stand wie vor einem gläsernen Haus,
durch das ich hindurchblicken konnte. Wand und Raum, und dahinter sah
ich die Öde des Tages und die Dumpfheit der Nacht. Da ging ich an die
Grenzen der Welt und setzte mich nieder, dem Leben den Rücken wendend,
und begann zu bedenken, was mein Leben bisher erfüllt hatte: Menschen
und Dinge, Amt und Tätigkeit, Religionen und Parteien. Und als ich das
alles zwischen meinen Fingern hin und her wendete, als ich von allem
den Staub wischte, mit dem der Lärm der Jahre und der Straßen es
bedeckt hatte, da erschrak ich tief. Denn es zerbröckelte zwischen
meinen Händen, was mir als ewig erschienen war: es verblaßte vor
meinen Augen, was glänzend am Rand meiner Träume gestanden hatte.
Und
was zurückblieb, aller Namen und Dogmen entkleidet, ein paar Menschen,
Erkenntnisse und Bewußtheiten: es hob sich wie aus einem tiefen
Wasser, anderen Zeiten und Welten angehörig.
Und
als ich auf die alte Welt zurückblickte, erkannte ich. daß es eine
fremde Welt war. Wie Andreas Nyland war ich durch die große Wandlung
gegangen, und als der "Mann in der Öde" kehrte ich zu meinem Tagewerk
zurück.
Aber jedes Tagewerk ist unerbittlich an die alte Welt gebunden, und
sie läßt nicht zu. daß wir das Steuer nach dem Unendlichen drehen. Das
Unendliche liegt immer nur im Reich des Geistes, und so entstand der
"Knecht Gottes". Dieselbe Lampe leuchtete auf seine Blätter, die den "Totenwolf"
beschienen hatte, aber die Achse des Lebens hatte sich schweigend
gewendet, und der Haß stand im fallenden Hause.
Mit
der Dumpfheit der Idee gebar sich die Dumpfheit des Charakters wie der
Handlung, und dieselbe Unerbittlichkeit, die den Verfasser über
stürzende Götter ins Abseitige und Einsame getrieben hatte, treibt den
Knecht Gottes aus der Welt des Seienden in das Tal. wo Gott ihn
begrub. Denn immer noch war mir, selten zum Vorteil, Erkennen gleich
Bekennen, nur daß das Kunstwerk in ungeheurer Projektion an den Himmel
des Begreifens schleudern muß, was im niedrigen Licht des Lebens eng
und bescheiden aus dem Schatten sich hebt.
Unter
der letzten Zeile dieses Buches stand "Kein Ende". Noch war die Furcht
vor dem "Alles oder Nichts" zu überwinden, noch zögerte die Hand, den
letzten Faden von der Spindel laufen zu lassen.
Nach
Jahresfrist erst befreite der Mut zum Letzten den Schöpfer wie das
Werk.
Gewiß, alles dieses ist schon geschrieben worden. Aber läßt sich nicht
alle Kunst im Grunde auf ein paar ewige Dinge und Verhältnisse
zurückführen, wie alle erschütternden Klänge von Gottes- und
Menschenhand auf sieben Töne? Und ist unser Ringen mit dem Engel
Gottes im Morgenrot eine zwecklose und leere Gebärde, weil Jakob mit
ihm gerungen hat an der Furt des Jabbok?
Auch
ist es nicht nur ein "Roman". Wenn die Menschen unseres furchtbaren
Jahrhunderts zwischen Geburt und Tod wie klingende Gehäuse
vorgezeichnete Wege über Straßen und Schienen laufen, darf deshalb
nicht einmal aus dem Urgrund verlorenen Seins ein Mensch aufstehen,
der die Arme aus der Welt hebt zum Unmöglichen? Muß er ein Tor sein?
Muß sein Vater ein Tor gewesen sein?
Auch
ist endlich der Held des Buches nicht gleich seinem Schöpfer. Man
schiebe zwischen beide die brechende Fläche des Werkes, die
geheimnisvolle Wand, die zwischen Kunst und Natur sich hebt, und in
den Sammelpunkten beider Strahlenbündel wird das Gesuchte erscheinen:
nicht Mittelpunkt und Kreis, nicht einmal Teile des gleichen Kreises,
sondern zweierlei Ringe, in denen die Sehnsucht des Menschen und
Schöpfers um das Ewige kreist.
Niemand
denke, daß damit Endgültiges und Sicherruhendes erreicht sei. Die
"große Wandlung" endet weder im Programmatischen, noch im
Grundsätzlichen. Sie hat ihre Grenzen nur in den Grenzen des sich
Wandelnden, d. h. in den Grenzen seines Göttlichen. Mithin im
Unendlichen und Unbestimmbaren. Nur die Wiederholung ist ihr fremd,
das Zurückweichen in Gewesenes, das Schicksal des verlorenen Sohnes.
Ernst
Wiechert
1926 |
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Ernst
Wiechert
DIE BLAUEN
SCHWINGEN
Hardcover, 192 Seiten, Fraktur-Schrift, gut
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Vorwort, von Ernst Wiechert.
Die Schatten des Krieges liegen
tausendfältig über diesem Werke. Es ist begonnen worden an der
galizischen Front und beendet in den Stollen der Champagne,
österreichische Offiziere sangen mir allabendlich das Lied von den
Kranichen, weil sie wußten, daß es Gestalt werden sollte in diesen
Blättern, und als die Blätter beendet waren, fiel schon die Nacht des
Schicksals über ihr Heimatland. Vaterland starb mir und Kind in jener
Zeit. Und die Seele, die noch zwischen den Dingen stand, schrieb müde
Worte, die am Sinn des Seins verzagten. Sie gab ihn noch nicht der
Wirrnis des Lebens, sondern sie suchte ihn noch darin. (Ernst
Wiechert) |
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Auszug (I).
Über Frühlingswälder gleitet die Geige, wo der Wind unter des Habichts
Flügeln steht, über Stoppelfelder und Winterweg. Und Herbst-Sturm
rauscht unter Krähenflug und wühlt im Röhricht und klagt im dunkelnden
Kiefern-Wald. Was wird der Tage Zukunft sein?" (Die Blauen Schwingen,
E. Wiechert)
Auszug (II).
Sie traten auf die Schonungen. Der Hochwald blieb zurück, ein Heer von
glatten Schäften mit abendlichem Glanz. Einsam hob der Weg sich zur
Höhe. Dort reckte aus Busch und Gesträuch eine Schirmkiefer ihren
geraden, gewaltigen Stamm in den Himmel hinauf, einen zerrissenen
Wipfel wie Fahnentuch um den Schaft und darüber einen grauen,
trockenen Ast wie eine harte Eisenspitze, die nach dem Leib der Wolken
drohte. Da stand sie gleich der letzten Lanze über nieder gebrochenem
Heer, und in ihrer Krone hing der Abendwind mit auf- und nieder
gleitenden Tönen.
"Hier
ist es, Harro."
Sie
blickten über den Wald. Kein Laut zerriß mit lohendem Glanz das breite
Bild. Nur Schonungen, grau und grün und blau bis an das ferne Ufer, wo
des Hochwalds Masten im gelben Abendlicht die schweren Segel trugen.
Kein Sturm ging über das Meer, kein Leuchten brach aus Wolkentoren,
nur ein leises Weben war auf allen Seiten, in großem Rhythmus, wie
schwankender Orgel-Ton unter verdämmernden Bogen: "Ich bin ... der
Wald ... der Wald... der weite... weite... Wald..." Kein Vogel rief,
kein Wild trat heimlich aus unbewegtem Gebüsch. Schwere Wolken zogen,
seltsam groß und klar, über das schweigende Rund und versanken wie
sich bäumende Schiffe hinter dem Wald.
Da
klang von ferne ein klagender Schrei, sechsmal, siebenmal sich hebend
im Schlag der Flügel, und hingezogen ersterbend.
"Simplizius!"
Er griff nach seinem Arm.
"Rühre
dich nicht!"
Noch
einmal schrie es über den Wäldern, näher rufend. Dann kam ein
jagender, klingender Flügelschlag, und auf der Spitze der Kiefer
schwang sich der Wanderfalke ein und wandte seinen kühnen Kopf über
das Meer zu seinen Füßen. Hoch im leeren Grau saß er einsam, und seine
Augen blickten königlich über die Wälder. Und noch einmal kam der
klagende Schrei, der zwischen Wolken und Wald schmerzlich und jäh den
Abend zerriß.
Und
dann, wie er gekommen war, mit dem tönenden Flügelschlag, schwang er
sich ab, warf sich über die Schonungen fort, über den hohen Wald, und
ferne verklang der wilde Schrei, der das Schweigen zerschlug, daß man
hinunterlauschte bis auf den Grund.
Die
Hände gefaltet, mit starrem Blick sah Harro hinter dem Vogel her.
Wortlos schied er von Simplizius, und über ihm rauschte auf dunklem
Heimweg das Lied der Wipfel: "Ich bin ... der Wald ... der Wald ...
der weite ... weite... Wald ..."
Und so, das Bild des Vogels und seinen Schrei in der ergriffenen
Seele, trat er in der Nacht in Magdas Zimmer.
Sie
fuhr erschrocken aus den Kissen und ließ das Buch fallen, in dem sie
gelesen hatte. "Harro, was fällt dir ein? Wie kannst du so
unvorsichtig sein?"
Er
lächelte trübe und setzte sich auf den Bettrand.
"Was
ist dir, mein Junge? Was hat man dir getan?" |
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Ernst
Wiechert
JAHRE UND ZEITEN
Erinnerungen.
Taschenbuch , 493 Seiten,
leicht angegilbt, Kanten leicht bestoßen
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Dieses Buch
erzählt mit aller Aufrichtigkeit und Demut über sein Leben - von 1905,
dem Beginn seines Studiums, bis zu seinem Verlassen Deutschlands und
seiner Übersiedlung in die Schweiz auf den Rütihof am Züricher See.
„Jahre
und Zeiten“ berichten nicht nur von Ernst Wiecherts Leben und seinen
Schicksalen, sie zeigen auch, wie er sich sah und sehen wollte, und
machen manches sichtbar, was das Werk allein nur langsam offenbart. |
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Auszug. Vor
vierzig Jahren um diese Zeit und diese Stunde sahen die Fischer am
Frischen Haff, die ihre Netze von den Pfählen nahmen, einen jungen
Studenten jeden Morgen durch die betauten Wiesen nach dem hohen Walde
gehen. Die Sonne stieg gerade auf, der Tau funkelte auf den Gräsern,
und die ersten Reiher flogen von ihren Schlafbäumen nach der weiten,
rötlich schimmernden Wasserfläche. Der Kuckuck rief, die heilige Frühe
stand feierlich über der Welt, und die Fischer machten sich ihre
schwerfälligen Gedanken über den jungen Menschen, der vor Tau und Tag
ein sicheres, warmes Haus verließ, um über die nassen Wiesen zu
streifen. Der ab und zu stehen blieb, um den Reihern nachzusehen oder
nur in den großen, leeren Himmelsraum zu blicken, als höre er dort
Stimmen, die sie nicht hörten, und sehe Gestalten, die sie nicht
sahen. Und der dann schließlich in dem fernen blauen Walde verschwand,
der den Horizont umsäumte, wie ein Wanderer verschwindet, oder ein
Gerufener, oder ein Verzauberter.
Der
junge Student war der Hofmeister zweier nicht viel jüngerer baltischer
Barone, die bei der lettischen Revolution mit ihren Eltern die Heimat
hatten verlassen müssen und nun hier seßhaft geworden waren für ein
paar Jahre. Er trug einen schäbigen Jagdanzug, ein Gewehr über der
Schulter und in seiner Tasche ein kleines Buch, in das er von Zeit zu
Zeit Bilder oder Gespräche aus dem ersten Roman eintrug, an dem er
schrieb. Und da er ein Kind der großen Wälder war, von Kind an
gewohnt, Freuden und Schmerzen unter den hohen Wipfeln mit sich
auszumachen, da auch sein Dienst nicht allzu schwer war und nicht zu
früh begann, so verließ er an jedem Morgen das schlafende Haus, von
jungen Plänen und Gesichten bedrängt, und dachte, eine Seite der
Unsterblichkeit schon heimzubringen, ehe Leben und Arbeit auf dem
Gutshofe und in dem Hause erwachten. Denn seiner Unsterblichkeit war
er als ein junger, ungeprüfter Mensch so ziemlich gewiß.
Der
Roman hieß Der Buchenhügel, und er hatte ihn begonnen, als er
Frenssens "Jörn Uhl" gelesen hatte. Es hatte ihm geschienen, als
könnte dieses Buch viel besser geschrieben werden, und eben damit war
er beschäftigt.
Vierzig Jahre später nun, um die gleiche Zeit und die gleiche Stunde,
sitze ich auf der Altane über dem Garten und beginne, an diesen
Blättern zu schreiben. Die Sonne geht gerade auf und wirft ein
rötliches Licht auf die Zweige der Apfelbäume, die über das Geländer
hängen und mit einer verwirrenden Fülle von Blüten überschüttet sind.
Der Kuckuck ruft wie damals aus dem nahen Walde, und das Gebirge liegt
blau und großartig am Saume der schweigenden Welt. Die heilige Frühe
steht über der Erde wie damals, aber es sind keine Fischer da, die
Reiher fliegen nicht nach einem großen Wasser, und auch der
Unsterblichkeit ist der Schreibende nicht mehr ganz so gewiß. Ja, er
denkt mit einem stillen Lächeln an dieses große Wort, und wenn er
einen Blick auf das Manuskript jenes ersten Romans wirft, das neben
ihm liegt, auf die große, deutliche, kindliche Handschrift eines
schlafwandlerisch Beginnenden, und den Blick von dort zurückwendet auf
die winzige, kaum leserliche Schrift dieser Blätter, die er nun
beginnt, ermißt er schon daran, wie Jahre und Jahrzehnte dahingegangen
sind. Die Zeit, die große schweigende Zeit, die über Handschrift und
Pläne schweigend hingegangen ist. Das Wandelnde, das Verändernde, das
still Begrabende und still wieder Aussäende. Und er streift mit der
linken Hand leise über den Apfelblüten-Ast und meint, daß alles
Notwendige wohl gut und in der guten Ordnung sei.
Wozu
schreibt einer sein Leben auf, wenn es nun langsam zur stillen Neige
geht? Die Narren schreiben ihre Weisheit auf und die Weisen ihre
Irrtümer. |
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Ernst Wiechert wurde als Sohn eines Försters
im Forsthaus Kleinort im südlichen Ostpreußen im Kreis Sensburg
geboren.
Nach seiner Schulzeit und dem Studium
wurde er Studienrat in Königsberg mit den Fächern Deutsch und
Naturwissenschaft. Bereits hier schrieb er Romane, Novellen und
Erzählungen. Im Jahre 1930 siedelte er von Königsberg
nach Berlin über.
1932 erschien Wiecherts Roman "Die Magd des
Jürgen Doskocil", mit dem Ernst Wiechert seinen Ruf als
Schriftsteller begründete. Er gehörte zu den meistgelesenen Autoren
seiner Zeit, seine Werke erreichten Millionenauflagen.
Wiechert gab
den Lehrerberuf auf und arbeitete als freier Schriftsteller am
Starnberger See. Wiecherts christliche Grundeinstellung verarbeitete
er in seinen Werken.
Ernst Wiechert appellierte 1933 und 1935 an die Studenten im
Münchner Auditorium Maximum, sich kritisches Denken gegenüber der
NS-Ideologie zu bewahren. Dies wurde als Aufruf zum inneren
Widerstand gewertet. Die Schrift der Rede kursierte illegal in
Deutschland und erreichte Moskau 1937 in einem Brot eingebacken.
Hier wurde sie in der einflussreichen Exil-Zeitschrift "Das Wort"
veröffentlicht.
Wiechert lehnte die Teilnahme an der Volks-Abstimmung über
die Angliederung Österreichs öffentlich ab. Später verfasste
Wiechert einen offenen Brief für die Freilassung Martin Niemöllers
und kündigte an, statt des NS-Winter-Hilfswerkes Niemöllers Familie
zu unterstützen, woraufhin er 1938 ins KZ Buchenwald verbracht
wurde. Ernst Wiechert erlebte hier vier Monate, den Bericht über die
Tage des Schreckens schrieb er 1939 nieder und vergrub das
Manuskript im Garten.
Nach seiner Entlassung hatte ihm
Propaganda-Minister Joseph Goebbels gedroht:
Wir wissen, dass Ihr Einfluss auf die Jugend groß
und gefährlich ist. Sollten Sie noch ein einziges Wort gegen unseren
Staat sprechen oder schreiben, so werden Sie noch einmal ins KZ
kommen, und zwar auf Lebenszeit und mit dem Ziel Ihrer physischen
Vernichtung.
Wiecherts Buch sollte erst 1945 erscheinen.
Ernst Wiechert starb am 24. August 1950 in der Schweiz in Stäfa.
Er wurde 63 Jahre alt.
aus:
Wikipedia
Politik. Er
erkannte nur klarer, was wie eine Ahnung in ihm gelegen hatte (...)
daß die Akrobaten und Gaukler und Taschenspieler immer noch auf der
Bühne standen, wie sie wahrscheinlich schon ein paar Jahrhunderte
dort gestanden waren. Die der Politik und der Kunst, der
Welt-Anschauungen und der Worte. Besonders aber der Worte. Daß die
ungeheure Kluft zwischen Wort und Leben nicht zugeschüttet worden
war. Daß die Gaukler mit den Worten jonglierten, um die Zuschauer zu
überzeugen, daß die Worte das Leben bedeuteten.
Und daß sie wieder abtraten von der Bühne, die Hände mit Gold, aber
nicht mit Korn gefüllt, um andern Gauklern Platz zu machen. Denn im
Hintergrund saß etwas Verhülltes, die Frau auf der Kirchen-Schwelle
etwa, und vor ihrem weißen Gesicht ging alles Gaukelspiel zu Ende.
Ernst Wiechert in: "Missa Sine Nomine"
Naturschauspiel
Gewitter. Es ist der erste Abend mit schweren Wolken über dem
Moor. Aus dem grauen Dunst heben sich lautlos graue Gebirge mit
rotfließenden Rändern, rücken zueinander, schieben sich über fahle
Spalten, werden eine einzige hohe, verschleierte Wand, die nun still
steht in sich und nur lautlos sich aufrichtet über dem Horizont. Die
Vögel fliegen niedrig und stumm über den Strom, die Bremsen stechen,
daß Jürgens Hände mit Blutstropfen bedeckt sind, die Fische springen
auf dem Strom, daß überall weiße Kreise stehen, und im Schilf
schlagen die schweren Hechte mit dumpfem Fall auf das schwärzliche
Wasser. Die Erlen stehen fahl im letzten Licht, und bei jedem
Windhauch spricht das Schilf von vielen Stimmen, die an seinen
Halmen sind. Ein Gewitter könnte kommen, denkt Jürgen. Aus: Die
Magd des Jürgen Doskocil (E. Wiechert)
Frühling.
Unheimlich, mit krankhafter Schnelligkeit und in brennender
Leidenschaft warf der Frühling sich über den Wald. Zuerst hatte es
geregnet, Wochen hindurch. Die Wurzeln ertranken in den warmen
Strömen, die rauschend auf das Moos herniederfielen, und der Saft
schien Rinde und Knospen sprengen zu wollen. Und dann sank, von den
ersten Apriltagen ab. das Gold der Sonne mit berauschender Glut in
die Tiefen der Erde. Ein brennender Wind strich Tag und Nacht von
Süden her über das Land, und keine Wolke schwamm über den blauen
Himmel, unter dem die Luft in zitternden Funken sprühte, wie
glühender Stahl unter dem Schmiedehammer.
Die Triebe der Bäume schössen auf, die Knospen sprangen mit leisem,
fast wildem Schrei, und über Nacht öffneten sich die Blüten zu
glühender Üppigkeit und Schönheit. Ein verzehrender, fast unkeuscher
Taumel ergriff den Wald. Golden flackerten die Sterne, und heiße
Lieder schrankenloser Begier und Erfüllung hoben sich zur Nachtzeit
über die bebenden Wipfel.
Und dann, in matter, blasser Erschöpfung, verwehten Blüte und Glanz.
Der heiße Wind verzehrte den Saft. Er durchglühte die Wipfel und
schüttelte sie, als sei die Ernte schon da. Kraftlos, verzehrt im
Übermaß der Leidenschaft, gaben sie ihre Blüten hin, und kaum hatte
das Fest der Liebe begonnen, so verloschen schon die Kerzen, und
müde und brennend senkte sich die Reue des Rausches auf die
erschöpfte Erde.
Aus: "Der Wald", Kapitel "Das Frühlingsopfer" von Ernst Wiechert
Sommer. Tag und
Nacht zogen die schweren Sommer-Gewitter über das Land. Wenn sie
jenseits des Sees sich auftürmten und drohend zusammen ballten,
warfen sie ihr fahles, böses Licht herüber und starrten mit
finsteren, haßerfüllten Augen auf das Haus am Ufer. Hinter dem
jenseitigen Uferwald fuhren die erzenen Schlünde auf, leise
dröhnend, dicht nebeneinander, von weither heranrollend und in
drohendem Schweigen verharrend, bis der erste Blitz blau und
schneidend über die Wipfel sprang, der heiße Atem sengend über das
Wasser fuhr und es hinter dem Walde aufbrüllte, den Horizont entlang
und wieder zurück, und in hohlem Sausen erstarb.
Regen brach hernieder, in schweren, warmen Fluten, aber er brachte
keine Kühlung, und Nacht für Nacht irrten die blauen, fernen Flammen
die Wälder hinauf und hinunter. Suchend lief es über Himmel und
Erde. Es tastete über das Wasser des Sees, bis tief in das
regungslose Rohr hinein; es leuchtete zwischen den Stämmen hindurch,
wo die Tiere des Waldes angstvoll standen; es warf die blassen
Fackeln bis in den Grund der Schluchten, wo die Gräser leise bebten;
es fuhr mit fahlen Kerzen bis in die dunklen Ecken des Hauses, wo
die Menschen die Augen schlössen. Es glitt wie ein blindes Wesen
durch fremde, schweigende Straßen, an Menschen und Häusern auf und
ab tastend, als suche es den einen Menschen und das eine Haus, wo es
zur Ruhe kommen könnte. Wiechert, Der Wald
Herbst. Müde,
blaue Tage gingen über den Wald. Sie gingen langsam, mit
ausgebreiteten Armen und träumenden, fernab gewandten Augen, das
Haar von silbernen Herbstfäden umsponnen, und wo ihre blassen Hände
wehmütig über das Laub glitten, begannen leise die Wipfel zu
erglühen.
Zuerst brannte der Ahorn auf und stand wie eine goldene Fackel im
düsteren Saal und vor den dunklen Toren.
Einzelne Sterne fielen nieder auf das Moos wie verlorenes Geschmeide
und häuften sich zu leuchtenden Teppichen, die der Wind mit goldnen
Schnüren verband. Dann stiegen über Nacht im ersten Reif die roten
Opferflammen des wilden Birnbaums aus den Altären der Erde, brannten
still und feierlich vom Waldrand über die Täler und riefen zum
Opferfeste. Langsam, mit wehmütiger Freude, hüllte die Erde sich in
das Festgewand. Von Pfeiler zu Pfeiler schwangen sich die goldenen
Girlanden im hohen Waldessaal, von den roten Korallen der Eberesche
gehalten. Schleier auf Schleier wallte aus den grünen Bogenfenstern
hernieder, und feierlich stiegen die Laubfahnen in leisem Rauschen
über das gewölbte Dach. Wie blasse Sterne leuchteten die späten
Blumen auf den Stufen, die zum Dome hinaufführten, und in goldnem
Pagengewand reihte sich Birke an Birke zu beiden Seiten, bis hoch
zum Tore hinauf.
Und dann schwang sich der Heroldruf der Kraniche hoch über das
Wipfelmeer, wie aus silbernen Trompeten weithin über die wartende
Erde gestoßen, einmal und noch einmal und in klingendem Widerhall
zurück geworfen. In frommem Schweigen erstarb das Flüstern des
Waldes, und zwischen Fahnen und Girlanden, auf blumengestickten
Teppichen, unter der blauseidenen Riesen-Kuppel des
September-Himmels, kam es langsam, wehmütig:, feierlich die
leuchtenden Stufen hinauf geschritten: der Gott der sterbenden Erde,
der Lohende, Brennende. Verglühende, der Gott des Herbstes zog
träumend ein m die strahlenden, schweigenden Tempel des Waldes.
Nun lagen Tal und Hügel im Gebet. In bläulichen Wolken stieg morgens
und abends der Weihrauch über die Wipfel, ferne Choräle drangen
durch die geschlossenen Tore, und langsam, ganz langsam starben die
Bäume. Mit goldnen Händen strich die Sonne lautlos über des Waldes
sinkende Augen. E. Wiechert "Der Wald"
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